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“Die Verführten” (2017): Leise Southern Gothic in Pastelltönen

Mitten im amerikanischen Bürgerkrieg findet die kleine Amy (Ooona Laurence) den verletzten Soldaten John McBurney (Collin Farrell) im Wald von Virginia, während in der Ferne Kanonenfeuer ertönt. So beginnt “Die Verführten”, Sofia Coppolas neuer Film. Amy bringt John in Miss Marthas (Nicole Kidman) Mädchenschule Fensworth, in der zwei Lehrerinnen, Martha und Edwina (Kirsten Dunst), ein isoliertes Leben mit nur noch fünf Schülerinnen führen. Alle anderen sind des Krieges wegen längst abgereist und Fensworth droht zu verfallen.

Ich mochte Southern Gothic schon immer sehr gern, auch, wenn ich mit dem Genre ebenfalls viele Probleme habe (dazu später mehr), weshalb ich auf diesen Film sehr gespannt war. Denn im Histo-Genre, besonders als Film oder Serie, begegnet einem das Genre viel zu selten. Dem Team hinter “Die Verführten” gelingt es, das Genre auf subtile Weise aufzuarbeiten. Irgendwo in den verwilderten Gegenden von Virginia steht diese Mädchenschule, in der sieben Frauen um’s Überleben kämpfen und sich gleichzeitig nicht von ihrem alten Leben vor dem Krieg lösen können. Und darum geht es hier auch.


Triggerwarnung
Graphische Darstellung von Wunden und Blut, Tierquälerei

MEINE GEDANKEN

Die Frauen von Fensworth beim Beten

Das Pacing des Films ist in meinen Augen ein bisschen genial. Denn der Film beginnt sehr leise, mit dem alltäglichen Leben der Frauen, die versuchen weiterzumachen, wie zuvor: Während immer wieder Kanonenfeuer ertönt, lernen die Mädchen Sticken und Französisch und obwohl John auf der anderen Seite steht, denn er ist ein Yankee-Soldat, versuchen die Frauen die Regeln ihrer Gesellschaft aufrecht zu erhalten und bleiben höflich. Bald freunden sie sich alle auf ihre Weise mit John an, doch irgendwann beginnt die Stimmung zu kippen. Der Film versteckt in der mutmaßlichen Harmonie genug Spannungen und Hinweise, das doch nicht alles so gut läuft, wie gedacht. Und dann wird’s gruselig.

Dass das so gut aufgeht und der Film es sich erlauben kann für den Großteil seiner Spielzeit ein bisschen dahinzuplätschern liegt auch an den guten Schauspieler.innen, die ihre Figuren überzeugend spielen und der Geschichte Tiefe geben. Am Ende habe ich mir trotzdem gewünscht, der Film wäre ein bisschen länger als 90 Minuten und hätte vor allem das Innenleben der Figuren noch ein bisschen deutlicher herausgearbeitet. Jane (Angourie Rice), Emily (Emma Howard) und Marie (Addison Riecke) wirken ein bisschen wie Statisten, während Figuren wie Alicia, Amy und den beiden Lehrerinnen im Mittelpunkt stehen.

Es ist wohl leider bezeichnend, dass ich “Wer ist Emily?” dachte, als ich die Besetzung nachgeschaut habe, da diese Schülerin wirklich gar nichts zur Geschichte beiträgt. Sie ist einfach da. Und auch die Motivationen der Hauptfiguren haben sich mir nicht immer erschlossen, besonders Kirsten Dunsts Edwina scheint recht willkürlich zu handeln, weil man nicht erfährt, was ihr durch den Kopf geht und wieso sie manche Dinge tut. Die interessanteste Figur ist Martha, doch auch sie bleibt undurchschaubar. Vielleicht ist das gewollt, um die merkwürdige Atmosphäre des Films noch deutlicher auszureizen, aber es sorgte dafür, dass ich Johns destruktiven Einfluss auf die Frauen erst am Ende wirklich gespürt habe.

SÜDSTAATENÄSTHETIK… ABER OHNE SÜDSTAATENÄSTHETIK?

Amerikanische Bürgerkriegsmode mit Krinoline | Links: Kleid mit Militärdesign, ca. 1860-65 | Rechts: Seidenkleid mit herbstlichen Blattstickereien, ca. 1861-64

Auffällig ist, dass die Kostüme (bewusst) anachronistisch daherkommen. Schnitte und Muster sind authentisch, die durch das Korsett erreichte modische Stundenglasfigur der 1860er ist da, doch Kostümdesignerin Stacey Battat verzichtet komplett auf Krinolinen und polsternde Unterröcke. Diese Entscheidung wurde getroffen, um noch deutlicher zu zeigen, dass Martha, Edwina und die Mädchen durch den Krieg in völliger Isolation leben. Sie müssen sich nicht mehr an gesellschaftliche Normen und Trends halten, auch, wenn sie es so gut wie möglich versuchen, denn es ist ja niemand da, der das kontrollieren könnte. Die Idee dahinter finde ich interessant, auch, wenn ich sie nicht immer gekonnt umgesetzt finde.

Dass zum Beispiel Alicia (Elle Fanning) immer wieder mit offenen, zerzausten Haaren herumläuft, passt. Alicia ist generell eine rebellische Figur, die sich nicht mehr für Etikette interessiert. Die fehlenden Krinolinen ergeben auch Sinn, denn die Frauen müssen das riesige Haus und den Garten selbst instand halten und verzichten deshalb auf die Krinoline, klar. Irritiert hat mich aber, das jedes Mädchen anscheinend nur ein Tageskleid besitzt – und es hat mich auch ein bisschen gelangweilt. Wir sehen die Frauen immer in denselben Kostümen, jeden Tag mit denselben Frisuren und das über eine Handlung, die Wochen einschließt.

Das hier sind die Töchter reicher Südstaatler – Sicherlich haben sie je mehr als ein Kleid und kennen mehrere Arten, sich die Haare zu machen? Außerdem scheinen einige Mieder nicht richtig zu passen – Ich weiß nicht, ob das Absicht war um zu zeigen, dass die Mädchen sich im Krieg nichts Neues leisten können, oder die Oberteile einfach schlecht geschnitten sind, aber das stört den Look des Films. Alles ist in hellen Farben – Weiß und Pastelltönen – gehalten und auch die Umgebung – Südstaatenästhetik mit riesigen Virginiaeichen, Louisianamoos, Wäldern und Sümpfen – wirkt bewusst ausgewaschen und irgendwie diesig und verträumt. Die Ästhetik ist wunderbar, aber die immer gleichen Kostüme im immer gleichen Weiß haben mich irgendwann irritiert.

DER BÜRGERKRIEG IHM WAHRSTEN SINNE WEIß GEWASCHEN

Ein Dinner in Fensworth – Peak Southern Gothic

Einen großen Minuspunkt bekommt der Film von mir, weil er leider wieder ein Südstaatenfilm ist, der keinerlei schwarze Figuren mitbringt, obwohl der Roman, auf dem er basiert eine schwarze Nebenfigur hat. Coppola sagte, dass sie die Figur aus dem Film genommen hat, weil es sich um das Klischee der schwarzen Sklavin handelte, die trotz der Befreiung bei ihren Unterdrückern bleibt, um weiter umsonst zu arbeiten. Ich kann diesen Gedanken verstehen, denn natürlich wäre so eine Darstellung absolut unangebracht. Man hätte meiner Meinung nach aber durchaus schwarze Figuren einbeziehen können, die nicht diese Rolle spielen müssen. Das wäre gegangen.

Ich habe deshalb generell ein Problem mit historischer Southern Gothic, denn man kann nicht unter den Teppich kehren, dass der “romantische Süden” mit seinen Plantagenhäusern und Baumwollfeldern ohne die Ausbeutung schwarzer Sklav.innen nicht existiert hätte. Ich muss “Die Verführten” hier zugute halten, dass der Film die weißen Frauen in der Mädchenschule nicht in die Opferrolle schiebt. Der Film zeigt eine isolierte Gruppe Frauen ohne Kontakt zur Außenwelt und was passiert, als ein Fremder eintrifft und das Leben dieser Frauen nach und nach ins Chaos stürzt.

Ich soll diese weißen Frauen zumindest nicht bemitleiden, dass sie jetzt selbst arbeiten müssen, weil die Sklav.innen gegangen sind. Tatsächlich wirken die Mädchen, die sich plötzlich selbst um alles kümmern müssen, eher unsympathisch und der Film arbeitet heraus, dass sie nicht damit umgehen können, ihr Privileg als weiße Frauen in dieser Gesellschaft verloren zu haben. Da hat “Die Verführten” anderen Filmen des Genres etwas voraus, doch was fehlt ist die wirkliche Benennung dessen, was hier passiert: Das Privileg, nicht selbst arbeiten zu müssen, weil es schwarze Sklav.innen für einen getan haben, ist weg. Es hätte dem Film viel gegeben, wenn das einfach klar ausgesprochen worden wäre.

Trotzdem ist und bleibt das hier Weißer Feminismus und das muss man im Kopf behalten. Dem Film gelingt es das Innenleben dieser Frauenfiguren glaubhaft und mitreißend zu schildern. Düstere Dynamiken vor der pastellhellen Kulisse wirken regelrecht “uncanny” und machen den Film fast unheimlich, obwohl bis zum Ende nichts wirklich Gruseliges passiert. Das alles ist sehr gelungen. Es fehlt aber trotzdem die Perspektive der schwarzen Figuren, die in einem Film, der im 19. Jahrhundert in den Südstaaten spielt, einfach nicht fehlen darf. Leider ist dieses Whitewashing von Bürgerkriegsgeschichte im Film nichts neues, aber von Coppola hätte ich tatsächlich mehr erwartet.

Am Ende ist “Die Verführten” ein leiser Film, dem es gelingt Spannung aufzubauen, indem er das Innenleben seiner Figuren in den Vordergrund rückt. Die Southern-Gothic-Ästhetik geht auf, die Schauspieler.innen leisten alle tolle Arbeit und bis auf ein paar Ausreißer sind auch die Kostüme gelungen. Deshalb finde ich es umso unglücklicher, dass der Film die BPoC-Perspektive auf den Bürgerkrieg unter den Tisch fallen lässt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch keine Empfehlung aussprechen, obwohl der Film mir schon gefallen hat. Wer ruhige, ungewöhnliche historische Dramen mag, ist hier richtig, aber seid euch bewusst, dass der Film leider erneut Bürgerkriegsgeschichte weiß wäscht.


Die Verführten | USA 2017 | Regie: Sofia Coppola | Drehbuch: Sofia Coppola | 94 Minuten | Originaltitel: The Beguiled


Weiteres Material:

Slate | Lost in Adaptation: Sofia Coppola’s Whitewashed New Movie

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