Follow:
Filme & Serien

“Mary Shelley” (2017): Die Gothic-Autorin als Gothic-Heldin

Wie könnte ich meine Histo-Halloween-Monate September und Oktober besser einleiten, als mit dem neusten Biopic über  eine der einflussreichsten Gothic-Autor.innen aller Zeiten: Mary Shelley, die 1817 “Frankenstein” veröffentlichte, und nicht nur das Gothic-Genre revolutionierte, sondern auch wie nebenbei die Science Fiction erfand. An sich ist “Mary Shelley” von 2017 kein Gothic-Film, sondern eben ein biographisches Drama. Der Film ist allerdings in düsteren Tönen gehalten und, wenn man sich ihre Biographie ansieht, war Mary Godwin, später Shelley, an sich eine real life gothic heroine.

“Mary Shelley” konzentriert sich auf Marys frühes Leben und die Ereignisse, die Einfluss auf die Entstehung von “Frankenstein” hatten. Darüber hinaus ist der Film aber auch ein gelungenes Bild des Regency und zeigt die Epoche von einer Seite, von der man sie seltener sieht. Im Mittelpunkt steht die englische Literaturszene der Zeit, der Hype um Schauerromane, Personenkult rund um die romantic poets und sehr subtil und ohne den typischen Holzhammer früher Feminismus – Denn nicht nur Marys Mutter, die berühmte Autorin und Philosophin Mary Wollstonecraft, war Feministin, auch Mary teilte diese Ideale.


Triggerwarnung
Tod eines Kindes

MEINE GEDANKEN

Mary schreibt am Grab ihrer Mutter, Mary Wollstonecraft

Elle Fanning hat mir in der Rolle der Mary Shelley von Anfang an gut gefallen. Erst war ich skeptisch, denn ich hatte immer das berühmte Portrait von 1840 im Kopf, auf dem Shelley als elegante Vierzigjährige gezeigt wird. Der Film spielt aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Mary, die “Frankenstein” mit nur 21 Jahren veröffentlicht hat, ist während der Handlung ein Teenager und in ihren frühen Zwanzigern, sodass Elle Fanning eine recht gelungene Besetzung ist. Nicht so sicher bin ich mir bei Douglas Booth als Percy Bysshe Shelley. Ich mag Booth als Schauspieler (Er war genial in “The Limehouse Golem” (2016)), aber als der vergeistigte Poet funktioniert er für mich nicht wirklich.

Auch Tom Sturridge als Lord Byron ist … eine Entscheidung für sich. Auch hier ist die schauspielerische Leistung wirklich gut – das ist sie im gesamten Film – aber Sturridge und Shelley verkörpern irgendwie nicht so wirklich das, für das diese beinahe schon legendären historischen Persönlichkeiten stehen. Trotzdem ist “Mary Shelley” am Ende in meinen Augen das beste Portrait dieser Gruppe romantischer Schriftsteller.innen bisher, gerade weil es Byron und auch Shelley nicht romantisiert, sondern ihre Arroganz und ihren Narzissmus genauso darstellt, wie ihre recht modernen Ideale, die auch Mary Shelley teilte.

Was diesen Film aber wirklich so gut macht, ist die Charakterisierung Mary Shelleys. Ihre Emotionen und ihre Schicksalsschläge werden auf eine Weise gezeigt, die verdeutlicht, wie diese Erlebnisse und Gefühle die Kreation von “Frankenstein” beeinflusst haben. Auch die Beziehung zwischen Mary und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) steht neben der tragischen Liebesgeschichte mit Percy Bysshe Shelley im Vordergrund. Ich mochte den sympathisierenden Blick auf Claire, die sonst eher als oberflächlich dargestellt wird, sehr. Auch John Polidori (Ben Hardy) kommt besser und komplexer dargestellt weg, als sonst.

TWEED UND GROBSTRICK IM REGENCY?

Isabel (Maisie Williams) und Mary in Schottland

Zudem ist dieser Film einer der wenigen, in denen ich die anachronistischen Kostüme tatsächlich gelungen finde. Caroline Koener lehnt die Kostüme deutlich an die Mode des Regency an, aber “Mary Shelley” will eben kein Regencyfilm sein und so heben sich Tweed, Grobstrick und gedeckte, herbstliche Farben deutlich von allem ab, was man in den typischen Regency-Jane-Austen-Verfilmungen sieht. Man merkt, dass die Kostümbildnerin sich Gedanken darüber gemacht hat, wie sie die Mode der 1810er sinnvoll abwandeln kann, um die Schauerroman-Atmosphäre des Films noch zu verstärken, und so skeptisch ich am Anfang war, jetzt finde ich das durch und durch gelungen.

Hin und wieder sehen Wollpullover und Tweedmäntel ein bisschen zu modern aus und besonders Marys Faible für offenes Haar, das wohl auch zeigen soll, wie jung sie noch ist und, dass sie ein Freigeist ist, ist eine sehr moderne Idee von Bohème. Es funktioniert aber, weil es nicht übertrieben wird. Zu feierlichen Anlässen sind auch Marys Haare aufgesteckt und vor allem gibt es in diesem Film doch mehr authentische Kostüme als inauthentische. Farben und Muster sind auf die Herbstatmosphäre abgestimmt, aber die Schnitte von Mänteln, Jäckchen, Kleidern und Gehröcken sind gelungen, sodass die Kostüme dem Film am Ende etwas Eigenes geben.

Die Atmosphäre hat mir sowieso sehr gut gefallen. Ja, es ist ein biographischer Film, und doch fängt er die Ästhetik der “schwarzen Romantik” sehr gut ein. Alles ist herbstlich-düster, die Musik ist atmosphärisch und der Film spielt mit Gothic-Elementen: Mary im weißen Nachthemd mit Kerze in der Hand, Claire, die bei Nacht und Sturm aus dem Herrenhaus in Genf flieht, Friedhöfe und düsteres Wetter. Mary Shelley hat mit “Frankenstein” nicht nur selbst einen Schauerroman geschaffen, sie hat sie auch gern gelesen und ihr frühes Leben durch diese Gothic-Linse darzustellen geht vollkommen auf.

AUTHENTISCHE BIOGRAPHIE MIT SCHAUERATMOSPHÄRE

Am Ende ist “Mary Shelley” ein ungewöhnliches Period Drama in dunklen, herbstlichen Farben, das nicht nur das Leben Mary Shelleys authentisch schildert, sondern die Gothic-Autorin selbst zur Heldin einer Gothic-Geschichte macht, ohne, dass biographische “Fakten” zu sehr verdreht werden müssen. Es gelingt dem Film, die Ästhetik der “schwarzen Romantik” – eine Kunst- und Literaturgattung der Epoche – einzufangen und neben einer gut geschriebenen und gespielten Geschichte auch schöne, düstere Bilder zu liefern, wie die Friedhofsaufnahmen, aber auch die luxuriösen Zimmer im Haus in Genf, düsteres Wetter, Sternenhimmel und Wälder.

Deshalb würde ich sagen, dass es dem Film gelingt, gleich mehrere Zielgruppen anzusprechen. Wer ein emotionales, authentisches Biopic über Mary Shelley erwartet, wird hier genauso fündig, wie Fans von düster-romantischen Filmen, tragischen Liebesgeschichten und Geschichten mit vernebelter Herbststimmung. Der Film ist ganze zwei Stunden lang, doch die verfliegen einfach und am Ende war ich traurig, dass es schon vorbei war, da ich mir Mary Shelleys restliches Leben gern auch noch so bildgewaltig dargestellt angesehen hätte. Daher würde ich den Film tatsächlich allen Shelley-, Gothic- und Regency-Fans empfehlen, vor allem Zuschauer.innen, die das typische Austen-Regency-Bild leid sind. Viel Spaß!


Mary Shelley: Die Frau, die Frankenstein erschuf | AUS, USA, GB, IRL, LUX 2017 | Regie: Haifaa al-Mansour | Drehbuch: Emma Jensen | 121 Minuten | Originaltitel: Mary Shelley

Share on
Previous Post Next Post

Das könnte dir auch gefallen:

No Comments

Leave a Reply