Klischees. Sie tauchen immer und überall auf und sind in den Augen vieler das Schlimmste, das einer Geschichte passieren kann. So weit würde ich nicht gehen, denn Klischee ist nicht gleich Klischee. Es gibt Klischees, die eben Klischees sind, weil sie so beliebt sind, und daran ist auch nichts Falsches. Man kann auch als Autor_in von historischen Romanen wunderbar mit Klischees spielen, indem man sie originell einbindet oder sie vielleicht untergräbt und in eine neue Richtung lenkt. Manche Klischees sind auch einfach okay, weil man sie mag. Das ist subjektiv.

Heute soll es aber um Klischees gehen, die ein großer Teil der Histo-Leser_innen eben nicht mag. Natürlich ist auch das immer noch subjektiv. Deshalb habe ich versucht, für diese Liste Klischees auszuwählen, die mich nicht nur persönlich stören, sondern auch auf tieferer Ebene das historische Genre gleichzeitig auszeichnen und für viele Leser_innen weniger unterhaltsam machen. Und da ich nicht nur meckern möchte, habe ich außerdem versucht aus meiner Perspektive als Vielleserin und Historikerin heraus zu erörtern, wie man diese Klischees am sinnvollsten vermeiden könnte.


Triggerwarnung
Ich erwähne sexualisierte Gewalt, die Hexenverfolgung und misogyne historische Muster

Das finstere, finstere Mittelalter

Wenn ich meinen Freund_innen erzähle, was ich wieder für historischen Unsinn gelesen habe | Aus “Das Buch von der Stadt der Frauen” von Christine de Pizan, ca. 1413

Man kennt es: Eine Geschichte spielt im finsteren Mittelalter. Alle sind arm, schmutzig, die gesellschaftlichen Konventionen sind verroht, die Gesetze streng und Strafen drakonisch. Jede Woche wird eine Hexe verbrannt (siehe unten) oder jemand auf andere Weise hingerichtet, außer den ranghöchsten Adeligen und der Kirche hat eigentlich niemand Rechte und besonders die Landbevölkerung schuftet unter den schlimmsten Bedingungen und hat nichts davon, niemand wird über dreißig Jahre alt. So war das Mittelalter. Oder?

Mittlerweile findet man dieses Mittelalterbild nicht nur in historischen Medien, sondern auch in mittelalterlich inspirierter Fantasy und es treibt immer neue Blüten. Es ist das Klischee im historischen Genre, das sich über die Jahrzehnte verselbstständigt hat und warum es so verbreitet ist, ist klar: Man konsumiert historische Fiktion, in der das Mittelalter finster und schmutzig ist, man stellt es in seiner eigenen historischen Fiktion ebenfalls so dar, und so geht das weiter und weiter und das tatsächlich bereits seit der frühen Neuzeit, als das Mittelalter in einigen Regionen Europas noch nicht einmal beendet war.

Woher kommt das Klischee? Aus der Renaissance. Man besann sich zu Beginn des neuen Zeitabschnitts auf die Lehren der Antike zurück und lehnte die des Mittelalters rigoros ab. Mit diesem bewussten Schnitt ging natürlich einher, dass man das Vorhergegangene als schlechter wahrnahm und sich auch alle Mühe gab es als schlechter darzustellen. Die beeindruckenden Kathedralen der Romanik und Gotik wurden nun als hässlich empfunden, die mittelalterlichen Lehren als rückständig. Das Mittelalter als düsterer Zeitabschnitt, der jetzt endlich vorbei ist, bürgert sich ein.

Tatsächlich vollzog sich keiner dieser Wandel in Gesellschaft, Politik und Kunst so schlagartig, wie man meinen könnte und begann – natürlich – bereits im Mittelalter und nicht erst danach. Und natürlich ist auch die Idee der Renaissance als helles, fortschrittliches Zeitalter und des Mittelalters als dunkel und gefährlich viel zu schwarzweiß gedacht – findet jedoch immer wieder ihren Weg in historische Medien. Nein, natürlich war die Welt im Mittelalter für viele Menschen nicht besonders rosig. Es gab dutzende Missstände, über die es sich zu schreiben immer wieder lohnt.

Aber nur die Missstände zu beschreiben und die Fortschritte in Wissenschaft, Architektur, Kunst und Philosophie außen vor zu lassen, zeichnet ein sehr einseitiges Bild einer spannenden Epoche, die mehr kann als schmutziger, verrohter, brutaler Schauplatz sein. Über das Mittelalter schreiben ist schwer. Sich zusammenzusammeln, was man in Filmen, Serien und anderen Romanen gesehen hat, ist leichter. Trotzdem ist es wichtig, sich als Autor_in klar zu machen, was für eine anspruchsvolle Epoche das Mittelalter ist und worauf man sich einlässt, wenn man darüber schreibt.


Die Hexenverfolgung

Es klang oben schon an. Ein weiteres Klischee ist natürlich die Hexenverfolgung, die oft auch ins finstere Mittelalter verlegt wird, weil sie so gut in diese düstere, rohe Zeit zu passen scheint. Tatsächlich ist die europäische und amerikanische Hexenverfolgung jedoch ein Phänomen der Frühen Neuzeit, also der Epoche nach dem Mittelalter, also unter anderem der strahlenden Renaissance, das sich auch nicht in der gesamten westlichen Welt gleichzeitig und aus den gleichen Gründen vollzog. Sie hat mit der Inquisition des Mittelalters durchaus auch zu tun, aber längst nicht so viel, wie historische Medien uns weismachen wollen.

Die Hexenverfolgung ist im Bewusstsein vieler Menschen etwas sehr Schwammiges, das sie einerseits fest im Mittelalter verorten, andererseits aber auch gern mal auf alle anderen historischen Epochen übertragen, um darzustellen wie rückschrittlich diese gewesen seien. Was dabei unter den Tisch fällt, ist der durch und durch politische, religiöse und auch misogyne Charakter dieses Phänomens, der mit der Politik und den Wertvorstellungen der Frühen Neuzeit eng zusammenhängt, nicht mit denen des Mittelalters, und zum Beispiel im 19. Jahrhundert einfach nicht mehr in dieser Form zutrifft.

Dieses Klischee ist daher auch einfach zu vermeiden. Wenn euch der Gedanke kommt “Hey, ich muss zeigen, wie rückschrittlich und brutal diese Menschen sind! Ich hab’s, ich baue eine Hexenverfolgung ein!”, dann verwerft ihn einfach wieder. Die Hexenverfolgung war die Verfolgung von größtenteils Frauen aus politischen und religiösen Gründen in der Frühen Neuzeit, die sich von Gegend zu Gegend und Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterscheiden können. Sie ist ein schrecklicher Massenmord, kein Gimmick, mit dem ihr euren Roman aufpeppen könnt.

Ihr wollt einen Roman über die Hexenverfolgung schreiben, der sich mit genau diesen komplexen Thematiken auseinandersetzt? Wichtig ist, sich bewusst zu machen, wo und wann ihr euch befindet und euch dann mit den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Einstellungen dieser Gegend und Zeit vertraut zu machen. Warum und wie wurden Menschen, größtenteils aber nicht nur Frauen, als Hexen verfolgt? Stelle ich meine “Hexe” als Opfer dar oder hafte ich ihr am Ende eine gewisse Mitschuld an? (Bitte tut das nicht.) Ist mir bewusst, wie sehr das Frauenbild der Epoche und dieses Settings die Hexenverfolgung beeinflusst?

Ich möchte weniger Romane sehen, in denen die Kräuterfrau aus dem Wald aus reinem Aberglauben als Hexe verfolgt wird, und mehr Romane, in denen die deutlichen religiösen und misogynen Komponenten komplex aufgeschlüsselt werden. Denn während ärmere, machtlosere Frauen natürlich eher in Gefahr liefen, als Hexen verfolgt zu werden, konnte es von der Dienstmagd bis zur Gutbürgerlichen oder Adeligen alle treffen (zum Beispiel Katharina Kepler und Sidonia von Borcke) und es war weniger Aberglaube im Spiel, als strenge Wertvorstellungen und Frauenbilder. Das müssen sich Autor_innen von historischen Romanen bewusst machen.


Frauen durften überhaupt nichts

Wie ich mich fühle, wenn Histos mir erzählen wollen, was Frauen alles nicht durften | “In Gedanken”, Félix Armand Heullant, 19. Jh.

Das Klischee, das mich wohl persönlich am allermeisten heimsucht. Auch hier spielt viel Unverständnis für historische Epochen und Schwarzweißdenken eine große Rolle. Denn: Ja, natürlich, in vielen vergangenen Epochen sah es, was die Rechte der Frau angeht, nicht gut aus. Wichtig ist aber auch hier, sich ganz am Anfang hinzusetzen, Setting und Epoche zu bestimmen und sich anzusehen, welche Rechte Frauen genau dort und dann hatten oder nicht hatten. Eine allgemeingültige Aussage für alle Epochen gibt es nicht.

Denn im Deutschland der 1830er Jahre sieht das komplett anders aus, als im England der 1560er – oder sogar im England der 1830er. Auch hier scheinen sich Autor_innen oft damit zufrieden zu geben, was sie in Filmen, Serien und Romanen sehen. Frauen tragen lange Kleider und müssen nähen und sticken, sind der Besitz des Vaters oder Ehemanns, haben keinerlei Rechte, dürfen nicht lesen oder das Haus verlassen und schon gar nicht davon träumen, unabhängig zu sein. In diesem Klischee steckt ein bisschen Wahrheit, aber auch ganz viel… Klischee eben.

Deshalb ist es so wichtig, sich nicht einfach dieses Klischee zu greifen und auf jede historische Epoche anzuwenden, sondern sich wirklich auszukennen. Faktoren, die bedacht werden müssen, sind immer auch gesellschaftlicher Stand und Herkunft, die individuelle Vor- und Nachteile mitbringen. Das adelige Mädchen, das sich über die vielen Bälle und den vom Vater ausgesuchten Ehemann beschwert, während die weiblichen Dienstboten ihr das Haar machen und am besten noch wertvolle Tipps fürs Leben geben, möchte ich nicht mehr lesen.

Beschäftigt euch nicht damit, was “Frauen” als große Masse “früher” angeblich durften oder nicht durften. Schaut euch an, was eine Frau in der Position euer Heldin – Vielleicht eine gutbürgerliche Tochter im Marseilles von 1763 oder eine Dienstbotin im London von 1912  – durfte oder nicht durfte. Verlasst euch nicht auf alte, müde Klischees, die am besten noch in Misogynie getränkt sind. Denn hier verzerren diese Klischees nicht selten sogar das Geschichtsverständnis der Leser_innen auf sehr unschöne Art.

Und vergesst nicht, dass es auch in Zeiten, in denen selbst adelige, weiße Frauen kaum Rechte hatten, Privilegien und Abstufungen derer gab. Es wirkt ignorant, wenn sich die adelige Tochter bei ihrer Dienstmagd beschwert und ihre Unterdrückung als die objektiv schlimmste darstellt. Es wirkt noch ignoranter, wenn die weiße Hauptfigur ihr Leid über das von nicht weißen Figuren stellt – oder es gleichstellt, weil “wir sind beide Frauen”. Es würde dem Histo-Genre gut tun, wenn seine Autor_innen mit diesen Thematiken sensibler umgingen.


Zufällig sind alle Held_innen normschön

Auf dieses Klischee hat mich Histolicious aufmerksam gemacht, aber ich empfinde es ebenfalls nicht nur als störend, sondern als schädlich. In historischen Romanen sind meistens alle Held_innen, ungeachtet der Epoche und ihrer Schönheitsideale, nach modernen Standards normschön. Die Heldin ist sehr schlank, aber hat an den richtigen Stellen natürlich trotzdem Kurven, mit langen, glänzenden Haaren und ist natürlich vornehm blass, selbst, wenn der Roman im Barock oder den viktorianischen Jahren spielt, die komplett andere Schönheitsideale hatten.

Das stört mich besonders, weil es moderne (!) Schönheitsideale in den Köpfen von modernen (!) Leser_innen verfestigt, die sich dann denken “Aha, das war also schon immer so, da muss also was dran sein.” Das historische Genre bietet sich an wie kein zweites, Menschen als schön darzustellen, die unsere moderne Gesellschaft eher nicht so beschreiben würde und ich wünschte, Autor_innen von historischen Romanen würden damit beginnen, da solche Darstellungen moderne Schönheitsideale, die uns alle einschränken, etwas auflockern könnten.

Außerdem bedient das Genre auch hier wieder Schwarzweißdenken par excellence. Die guten, moralisch einwandfreien Held_innen sind normschön, ja beinahe engelsgleich schön. Böse Figuren sind nach modernem Verständnis “hässlich”. Wir alle kennen die dicken, schwitzenden Männer mit fettigen Haaren, die im historischen Roman die einzigen sind, die jemals (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen begehen. Böse Frauen sind entweder dick oder “zu dünn” und können es sowieso nicht mit den perfekten Held_innen, die aussehen wie einem Renaissancegemälde entstiegen, aufnehmen.

Ich denke, dass dieses Klischee eines ist, von dem sich viele Autor_innen und Leser_innen vielleicht gar nicht bewusst sind, dass es eines ist. Und ich weiß, dass es schwierig sein kann, historische Schönheitsideale zu recherchieren. (Vertraut bitte nicht diesen “100 years of beauty”-Videos auf Youtube. Sie sind unterhaltsam, aber lassen Historiker_innen weltweit die Haare zu Berge stehen.) Es ist aber möglich und es hilft schon, sich zeitgenössische Portraits anzuschauen, denn diese sind natürlich idealisiert und zeigen die Dargestellten meistens so, wie sie gern ausgesehen hätten.


5. Die Held_innen wissen alles besser

“Es war 1822, doch sie besaß das medizinische Wissen einer Frau, die im 21. Jahrhundert Medizin studiert hatte.” | Portrait einer brieflesenden Frau, Pierre-Alexandre Wille, 1776

Ich verstehe die Motivation dahinter, die eigenen Histo-Held_innen besonders intelligent und fortschrittlich wirken zu lassen. Natürlich möchte man nicht, dass die Figur, mit der die Leser_innen mitfühlen sollen, zeitgenössischen Bias zu sehr zur Schau trägt und das muss man auch nicht. Ich sage das gleich vorweg: Natürlich ist es vollkommen legitim, seine Held_innen fortschrittlich denken zu lassen – Aber eben so, wie es die Epoche erlaubt. Leider ist es nämlich selten so, dass die Held_innen in Histos alle Proto-Feminist_innen sind, die sich gegen -ismen einsetzen.

Viel eher haben sie das “Held_in aus der Zeitmaschine”-Syndrom: Sie sind, ohne Erklärung, mit modernem Wissen und Theorien ausgestattet und wissen schon als Jugendliche alles vier Mal besser, als ihre Zeitgenossen. Vierzehnjährige Mädchen, die nie eine Schule von innen gesehen haben, sind bessere Ärzt_innen als professionell ausgebildete Mediziner_innen. Der Kammerdiener weiß, dass das politische Manöver seines Hausherren natürlich schiefgehen wird, als hätte er den modernen Wikipedia-Artikel dazu zur Hand gehabt.

Und genau so liest sich das oft: Als hätten diese Held_innen Zugriff auf moderne Geschichtsbücher und Fachlektüre gehabt. Egal wer sie sind, sie verstehen ihre Epoche deutlich besser als alle Zeitgenossen, sehen alle Missstände, die anderen natürlich nicht auffallen und wissen auch immer die perfekte Lösung, können sie aber tragischerweise nicht umsetzen, da sie meistens in machtlosen Rollen feststecken. Warum das nicht so glaubwürdig ist, erklärt sich denke ich von allein.

Anders machen könnte man es, indem man seine Held_innen zwar fortschrittlich denken lässt, aber eben ihrer Epoche und ihren Möglichkeiten gerecht. Natürlich kann eure vierzehnjährige Heldin ein gutes Verständnis von Medizin haben und der Dienstbote kennt sich sicherlich auch gut mit der politischen Lage aus. Trotzdem hat er keine Fachliteratur aus dem 21. Jahrhundert gelesen und sie hat nicht 2019 Medizin studiert und sollte daher auch nicht dieses Wissen mitbringen.

Die Autor_innen dieser Romane haben ihre Recherche sicherlich gut gemacht. Wichtig ist aber, sich davon ein Stück weit zu distanzieren. Das ist schwerer als es klingt, aber es lohnt sich. Denn wenn es einem gelingt, die riesige Menge an Recherche, die man gemacht hat, subtil und natürlich in den Roman einfließen zu lassen, anstatt sie mit Macht zwischen die Zeilen zu hämmern und die moderne Forschung am besten noch dazu, gibt das der Atmosphäre deutlich mehr als Held_innen, die alles wissen, alles können und komplett modern denken.


Am Ende bleibt es natürlich allen Autor_innen selbst überlassen, inwieweit sie solche Klischees einbauen oder eben nicht und ich spreche ja auch nicht für alle Histo-Leser_innen. Die hier gesammelten Klischees stören mich persönlich als Leserin, aber eben auch als Historikerin, und sind ansonsten eine Sammlung von dem, was mir Freund_innen und nette Menschen auf Twitter genannt haben, als ich sie nach den Klischees im historischen Roman gefragt habe, die sie als störend empfinden.


Beitragsbild: “Sibilla che legge”, Simone Cantarini, ca. 1630-1635