Wer Geschichte liebt, hat eigentlich auch immer ein paar Epochen, die er_sie besonders mag. Das ist bei mir nicht anders. Ich liebe die Restaurationszeit in England, Paris in der Belle Époque und Versailles unter Louis XIV. Natürlich bin ich deshalb besonders kritisch was Serien und Filme angeht, die sich dieser Epoche und diesem Ort annehmen und das ist für mich auch schon komplett schiefgegangen. “Versailles” aber ist in vielen Punkten ein Volltreffer.

Ich habe ein bisschen Schwierigkeiten diese Rezension zu schreiben, denn mir ist bewusst wie problematisch viele Aspekte der Serie sind und wie viele Klischees des historischen Genres sie mitnimmt. Andererseits subversiert die Serie jedoch auch andere Tropes und bietet so viel Spaß, wie eine historische Soap bieten kann. Es ist 1667, Louis beginnt mit dem Bau von Versailles und als Zuschauer_in wird man mit allen politischen und persönlichen Problemen des jungen Königs und seinen Höflingen vertraut gemacht.


Triggerwarnung
Graphische Darstellung von sexualisierter Gewalt, Gewalt/Blut/Folter

Meine Gedanken

Die Serie möchte die jungen Jahre des Königs Louis XIV. zeigen und fokussiert sich auf den Bau des prächtigen Schlosses Versailles. Das hat mir auch sehr gut gefallen. Man sieht Versailles wachsen und nebenher spielen sich politische und persönliche Dramen ab, die zwar nicht unbedingt auf historischen Begebenheiten beruhen, aber dafür auf zeitgenössischen Gerüchten, die dann im Stil von Histo-Soaps wie „The Tudors“ dramatisch ausgeschmückt werden. Das muss man mögen, aber wenn man es mag, ist das beste Unterhaltung.

Sehr gut gefallen hat mir die Darstellung von Louis selbst. Ob George Bladgen ihn authentisch spielt? Ich weiß es nicht, denn ich finde es schwer, Louis einzuschätzen. Bladgen, unter anderem aus „Vikings“ und „Les Misérables“ bekannt, spielt ihn als ein bisschen jähzornig und fast schon kindisch, aber eins passt auf alle Fälle und das ist sein pompöses, exzentrisches Auftreten. Ich fand spannend, dass die Serie Louis nicht als durchgeistigt oder über alles erhaben präsentiert, sondern, einfach extrem extra.

Dieser Louis ist ein bisschen ein Antiheld, denn er ist nicht der strahlende, weise, heldenhafte König, als der Louis XIV. sonst oft dargestellt wird. Dieser Louis darf ausrasten und sich auch mal unbeliebt machen, er darf Unrecht haben und bockig sein. Ob das authentisch ist, weiß ich nicht, aber es macht Louis menschlich und interessant. Ich habe mir das gern angesehen, vor allem in Kombination mit den ebenfalls gut charakterisierten anderen Figuren.

Auch Louis‘ Bruder Philippe (Alexander Vlahos) war für mich ein Highlight. Philippe d’Orléans ist eine schwierige historische Figur, die viel zu oft als queerfeindlich gefärbter Bösewicht hergenommen wird. Es stimmt, das Philippe schwul war und es stimmt auch, dass er schwierig war. Er hat nicht viel auf die Regeln am Hof gegeben, seinem Bruder oft die Stirn geboten und war für ein paar Skandale verantwortlich. Er war jedoch auch ein hervorragender Soldat und Stratege. Die Serie stellt beide Seiten nuanciert dar und, dafür mag ich sie sehr, sie bindet Philippes PTBS ein.

Der Konflikt zwischen den Brüdern zieht sich durch die ganze Serie und ist mit einer der spannendsten Handlungsstränge. Es ist auch ein absolutes Highlight, queere Figuren in einer Histo-Serie zu haben, die frei queer sein dürfen, denn in „Versailles“ liegt ein großer Fokus auf der Beziehung zwischen Philippe d’Orléans und Philippe, Chevalier de Lorraine (Evan Williams). Philippe darf (wie es historisch belegt ist) auch mal in Frauenkleidern auftreten, der Chevalier ist flamboyant und liebenswert, das habe ich geliebt. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen den beiden Philippes die komplexeste, romantischste Beziehung der ganzen Serie.

Danke, Louis!

Histo-Klischees und Augenrollen

Nicht geliebt habe ich jedoch, dass die Serie das Histo-Klischee mitnimmt, das ich am wenigsten leiden kann und zwar die Normalisierung von sexualisierter Gewalt. Diese wird leider auch in „Versailles“ graphisch gezeigt und inflationär eingesetzt, sogar von positiv besetzten Figuren und das ist schon mehr als grenzwertig, wenn ein Philippe seine Frau Henriette von England (Noémie Schmidt) zum Sex zwingt, weil er einen Sohn will, weil „das damals ja so war“. Es ist nicht nur out of character für Philippe, es ist außerdem hart eine positiv wahrgenommene Figur so handeln zu sehen.

Warum das null okay ist, habe ich an anderer Stelle erklärt. Auch in der zweiten Staffel tut es weh mit ansehen zu müssen, wie Sophie (Maddison Jaizani) mehrmals graphisch von ihrem Ehemann vergewaltigt wird. War das wirklich notwendig? Absolut nicht. Und es ist der Grund, warum ich „Versailles“ so zwiegespalten gegenüberstehe. Ich will die Serie lieben, aber ich kann es eben nur eingeschränkt, weil hier so viele Problematiken drinstecken, die das Histo-Genre leider prägen. Auch mit der Darstellung von PoC und von Menschen mit Beeinträchtigungen hat “Versailles” öfter Probleme.

Einige Storylines haben mich dann auch die Augen verdrehen lassen. Claudine (Lizzie Brocheré), die unbedingt Ärztin werden will, aber nicht darf, weil sie eine Frau ist. Die Giftaffäre, die spannend beginnt, aber im überzogenen Melodrama endet. Der Umgang mit dem Mann in der eisernen Maske. Es ist halt so, das Versailles am besten ist, wenn es nicht um die großen politischen Ereignisse und Skandale des Palasts geht, sondern um die Beziehungen und Spannungen zwischen den Figuren.

Positiv wiederum ist, dass die Frauenfiguren eigentlich alle eigene Motivationen mitbringen und auch immer wieder im Vordergrund stehen. Sophie ist eine tolle Figur und auch ihre Mutter Béatrice de Lorraine (Amira Casar), die eine Freundin wegen ihrer historisch authentischen, aber für moderne Augen etwas lächerlichen Haartracht „Mama Frisur“ getauft hat, ist als intrigante Fadenzieherin großartig.

Und dann ist da natürlich Lilo – Lieselotte von der Pfalz (Jessica Clark) – die in der zweiten Staffel Philippe heiratet und eigentlich allen die Show stiehlt. Lilo wird als so resolut, clever und stur dargestellt, wie sie gewesen sein soll und das Dreiergespann aus ihr, Philippe und dem Chevalier de Lorraine macht in Staffel zwei und drei unglaublich viel Spaß. Überhaupt gewinnt die Serie viel, weil sie sich nicht extrem ernst nimmt und besonders in den Dialogen auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Lieselotte setzt sich durch

Tolle Kostüme, Glamour und Drama

Desweiteren wartet “Versailles” mit Kostümen und Set Designs auf, die zwar nicht immer historisch authentisch sind, aber die Opulenz und die Dekadenz des frühen Versailles in wunderschönen Bildern verständlich machen. Kostüme und Frisuren bewegen sich relativ vage zwischen 1660 und 1680, was für mich aber okay war, da die Serie diese drei Jahrzehnte sowieso stark rafft. Man hat über die drei Staffeln überhaupt nicht das Gefühl, als wären dreißig Jahre vergangen und das ist sicherlich auch Absicht, damit man George Bladgen den Louis auch noch abnimmt, wenn Louis eigentlich schon Ende Vierzig wäre.

Was mir sehr gefallen hat ist, dass Kostümbildnerin Madeline Fontaine ihren Figuren persönlichen Geschmack mitgibt. Der Barock kannte zwar keinen Selbstausdruck durch Kleidung, man trug die modernen Stoffe und Schnitte, doch in “Versailles” hat jede Figur ein paar Farben und Stile anscheinend besonders gern. Louis, den extravaganten König, sehen wir oft in detailreich verzierter Kleidung in satten Farben, Rüschen und Schleifen, während ich Philippe wegen seiner eher monochromen Garderobe Barock-Goth getauft habe. Lieselotte ist schlicht gekleidet, die Marquis de Montespan (Anna Brewster) fast so extravagant wie Louis und der Chevalier de Lorraine modisch und elegant.

Fontaine spielt mit Farben und Stoffen und drückt in den Kostümen subtil die Persönlichkeiten der Figuren aus. Deshalb sieht “Versailles” so gut aus. Deshalb, und weil vorort gefilmt wurde. Einige Szenen sind direkt im echten Versailles entstanden, andere im prächtigen Château de Vaux-le-Vicomte in Maincy, das älter ist als Versailles und das Aussehen des großen Palasts maßgeblich beeinflusst hat. Fakt ist, “Versailles” schafft, was viele ähnliche Produktionen nicht schaffen. Es ist nicht immer authentisch, aber es macht für moderne Zuschauer.innen begreifbar, was für ein Ort das frühe Versailles war.

Auch Philippe bewundert den Pomp von Versailles

Histo-Soap und Guilty Pleasure

Tatsächlich wäre “Versailles” wohl die perfekte Histo-Serie für mich, wenn es sich getraut hätte, noch mehr Klischees aufzubrechen, als es das ohnehin schon tut. Ich liebe den subtilen Humor der Serie und, dass sie einer queeren Liebesgeschichte und der Motivation und dem Handeln seiner Frauenfiguren so viel Raum gibt. Ich liebe nicht die dutzenden müden Klischees und vor allem nicht die beinahe schon normalisiert dargestellte, reißerisch in Szene gesetzte sexualisierte Gewalt, die manchmal sogar von positiv besetzten Figuren ausgeht.

Versailles ist wirklich ein mixed bag. Es macht viel richtig und viel falsch. Es ist für mich der Inbegriff eines problematischen Mediums, das ich sehr mag, das aber eben auch einfach kritisiert werden muss. Deshalb bin ich am Ende froh, dass nach drei Staffeln Schluss war und die Serie sich nicht totgelaufen hat. “Versailles”‘ 30 Folgen sind wunderschön gedreht, überzeugend kostümiert, brillant gespielt und unterhaltsam, aber eben auch hier und da sehr problematisch. Für mich ist es der Inbegriff eines “guilty pleasure”. Ich weiß, dass es problematisch ist, aber ich liebe es.


Versailles | Canal+ | Kanada, Frankreich, Großbritannien, USA, 2015 – 2018 | Idee: Simon Mirren & David Wolstencroft | Drei Staffeln | 30 Folgen | Deutsche Erstausstrahlung: 2016